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Wo ist dieser verdammte Ponyhof?

Wenn ich mich auf den Social-Media-Kanälen so umschaue, dann sehe ich: alles bestens. Da werden berufliche Erfolge gezeigt und private Erlebnisse geteilt. Man freut sich mit, wird inspiriert und kann dazulernen.

 

Schöne, digitale Welt. Na klar, jeder hat seine Filterblase.

 

Die Hochglanz-Posts zeigen eben die helle Seite der Medaille. Sie erzählen von Leistung, Leidenschaft für den Job, tollen Urlauben, interessanten Beiträgen, beeindruckenden Initiativen etc. Es ist nachvollziehbar, dass auf dieser Bühne die Rollen möglichst beeindruckend und gut gespielt werden. Wäre ja doof, wenn das Publikum nicht applaudiert oder sogar wegbleibt. Ein herausragendes Stück nicht aufzuführen.

 

In der Lebensmitte landen manche unsaft

Nun ist so, dass in meiner Filterblase überwiegend Menschen sind, die sich irgendwo im weitläufigen Korridor der sogenannten Lebensmitte bewegen, also je nach persönlichen Lebensereignissen zwischen 35 und 55. Wo möchte es irgendwie geschafft haben, angekommen sein. Doch manche landen unsanft. Weil's eben fast garantiert nicht alles rund läuft. Und natürlich – erstens wollen wir in Netzwerken mit professionellem Fokus nicht unbedingt Persönliches lesen, also richtig Persönliches. Und auch nicht so gerne von Unzulänglichkeiten. Ich fände es auch bedenklich; das Netz merkt sich alles. Es gibt dafür wahrlich geeignetere Orte und Begegnungen.

 

Darum geht es mir ja auch gar nicht.

 

Es geht mir viel mehr um das Bewusstsein, dass der schöne Schein nicht alles ist.

Und dass wir uns in der sogenannten Lebensmitte in bester Gesellschaft befinden, wenn es abseits der Hochglanz-Posts auch Zeiten gibt, in denen es matt und weniger stylisch zugeht.

Das nämlich ist das wahre Leben. Es ist eben kein Ponyhof.

 

Ich erlebe Gegensätze zwischen der digitalen Selbstdarstellungswelt und der analogen Welt. Mein Eindruck ist sogar, dass es sich zuspitzt und diese Gegensätzlichkeit nicht zum Besten führt.

 

Es ist nur menschlich, dass man „sich vergleicht“. Doch in einer unsicheren beruflichen Situation z. B. hat das wohl einen blöden Nebeneffekt. Da muss man schon mental sehr gut aufgestellt sein, um den inneren Richter im Zaun zu halten. Und es ist nur sinnvoll, dass man den Knigge eines professionellen Netzwerks achtet. Doch wäre es nicht toll, wenn man auch mal laut „Hier“ rufen könnte, wenn man Hilfe braucht? Ohne die Sorge, dass das da draußen nicht so gut ankommen könnte? Dann wäre ein Social Net echt sozial im Sinne von miteinander und füreinander.

 

Nicht besonders populär über erste oder echte Kratzer in dieser Lebensmitte zu sprechen, oder? Ich weiß.

Das passt irgendwie nicht zum Zeitgeist, in dem wir mit weißen Sneakern (wie auch unsere Kids) zum Anzug oder Kleid durch den Alltag hüpfen. Wir wollen ja möglichst lange frisch und erfolgreich unser Leben gestalten und genießen. Doch ich treffe oft gestandene und beruflich ziemlich erfolgreiche Menschen, die sich dann gerade echt nicht in Hochglanz präsentieren mögen. Und können. Sie sind nämlich verunsichert, weil sie feststellen, dass sie sich nicht angekommen fühlen. Sie hadern mit großer Unruhe, stellen sich beruflich massiv die Sinnfrage und manche möchten einfach nur ausbrechen. Andere sind aus dem sicheren Sessel gekegelt worden und stellen fest, dass es mit 45+ nicht gerade einfacher wird, wieder einen guten Job zu finden. Oder sie haben mit Eltern zu tun, die alt werden. Einer Beziehung, die auf dem Prüfstein steht. Kindern, die ihnen Sorgen machen oder scheinbar plötzlich ausziehen.

 

Es kommt zum Glück ja selten alles auf einmal. Nur eines dieser Themen handeln zu müssen reicht völlig und ist dann eine große Anstrengung.

 

Es läuft nicht immer alles rund

Menschen bringen all das mit an ihren Arbeitsplatz. Professionalität hin oder her. Und es verbirgt sich hinter den Profilen, die wir hier streifen, genauer anschauen, an- und wegklicken. Und ich finde, es ist gut, das im Hinterkopf zu behalten. Dann kann man nämlich die eigene Befindlichkeit, ob nun blöder Moment oder echt schwierige Phase, eher annehmen. Statt im Dunstkreis dieser digitalen Filterblase damit hadern, dass es bei allen anderen scheinbar echt rund läuft. Und vielleicht streckt man dann eher mal die Hand aus und macht ein konkretes Unterstützungsangebot, nutzt dieses Netz, um echten Nutzen zu stiften.

 

Die Lebensentwürfe derjenigen zwischen Mitte 30 und Mitte 50 jedenfalls sind heute oft gewaltig. Die Inszenierung im sozialen Netz kann unser Selbstbild schon trüben. Und wir sollten uns immer wieder bewusst machen, dass eine Inszenierung eben kein konsequentes Abbild von Realität ist, sondern ein Trugbild und vielmehr Lebensträume darstellt.

 

Beruhigend ist doch die Erkenntnis: Es gibt kein „immer höher-schneller-weiter, toller-cooler-hipper sein“. Es gibt Fehlbarkeiten, echt blöde Dellen im Lebensentwurf, richtig schwierige Phasen, Unsicherheiten und Zweifel bei aller herausragender Verantwortung. Sogar Ausbruchsphantasien. Wir täten also gut daran, das als den ganz normalen Wahnsinn in der Lebensmitte anzunehmen.

 

Es ist die Lebensphase der Chancen, sich selbst neu zu entdecken. Und vielleicht zu werden, der/die wir noch von uns sehen wollen. Ab und zu mal Pony-Hof-Feeling inklusive.

 

Stimmst du mir zu?

 

Fotoquellen: rodolfo-sanches-carvalho-DI_41Btm4w4-unsplash und tim-bottchen-v9aLA_oC3fM-unsplash