Warum Emotionen goldwert sind

Sind Emotionen Treibstoff für Mensch und Organisation? Sorgen sie sogar für Mehrwert? Oder torpedieren sie unser Standing, Ziele und die Performance von Teams? Im Businesskontext heißt es ja zumeist, wir sollen unsere Gefühle im Griff haben. In Werbung und Vertrieb werden Emotionen gezielt genutzt und manipuliert. Echtes Leadership brauche Emotionen unbedingt. Was denn nun? Es lohnt sich also genauer hinzuschauen.

 

Mit den Begriffen Emotionen und Gefühle jonglieren wir leichtfertig; schließlich kennen wir uns Alle damit aus. Lassen Sie mich sehr kurz und hoffentlich erhellend die Bedeutung klären.

 

Von Emotionen sprechen wir bei Gefühlsregungen, die sich in einem affektiven Verhalten zeigen. Das wird durch äußere Anlässe oder psychische Vorgänge ausgelöst. Z. B.: Lächeln folgt Freude, Schlagen der Wut oder Erröten der Scham. Emotionen äußern sich also auch in sog. reaktivem Sozialverhalten. Zur Abgrenzung: Gefühle hingegen sind psychische Erfahrungen und Reaktionen, die sich beschreiben und damit auch versprachlichen lassen. Dazu gehören z. B. Angst, Ärger, Komik, Ironie sowie Mitleid, Eifersucht, Furcht, Freude und Liebe.

 

Emotionen und ihr Impact

 

Im täglichen Miteinander haben Emotionen einen riesigen und manchmal entscheidenden Einfluss auf unser Handeln. Auf Erfolg oder Misserfolg, Kreativität oder Blockaden, Konflikte oder Wohlempfinden usf. Im beruflichen Kontext sind u. a. diese Aspekte von Bedeutung:

 

1. Emotionen steuern Aufmerksamkeit

 

Den Zusammenhang zwischen Aufmerksamkeit und Emotion untersuchen viele Emotionstheorien. LeDoux z. B. fand heraus, dass die Verarbeitung mancher Reize oft ohne bewusste Wahrnehmung abläuft. Dabei stehen angsteinflößende Reize in einem besonders starken Zusammenhang mit der Aufmerksamkeit. Der „face in the crowd effect“ zeigt z. B., dass ein ärgerliches Gesicht in einer Menge neutraler Gesichter leichter erkannt wird als ein fröhliches.

 

Welche Reize ziehen verstärkt Ihre Aufmerksamheit? Mit welchem Impact ?

Was verrät Ihre Mimik Anderen über Ihr Gemüt?

Wie wollen Sie wahrgenommen werden?! Und nehmen Sie darauf bewusst Einfluss?

 

2. Emotionen pushen das Gedächtnis

 

Was sitzt besonders tief in unserem Gedächtnis? Genau, emotional relevante Erfahrungen. Erlebnisse aus der Kindheit, die mit starken Emotionen verbunden sind, bleiben also z. B. stark im Gedächtnis „Zwischen der Amygdala, die für emotionale Bewertung von Reizen verantwortlich ist und dem Hippocampus, der für unsere Erinnerungen verantwortlich ist, besteht eine enge Verbindung“, heißt es. Erregung ist dabei ein wichtiges Element der Gedächtnisleistung. Denn Erregung geht mit Emotionen einher. Zwar führt eine starke Erregung kurzzeitig zu einer Verschlechterung der Gedächtnisleistung, auf lange Zeit allerdings zu einer Verbesserung.

 

Woran erinnern Sie sich sehr genau? Und welche Emotionen sind dadurch immer wieder präsent?

 

Interessant dürfte auch diese Erkenntnis sein: Inhalte, die hinsichtlich ihrer Wertigkeit mit der persönlichen, momentanen Emotion übereinstimmen bleiben eher im Gedächtnis als neutrale Inhalte. Zudem weiß man, dass man sich leichter an Inhalte erinnert, wenn sie in dem emotionalen Zustand abgerufen werden, der auch herrschte als sie gelernt wurden.

 

Wie bewusst widmen Sie sich Stimmungen? Ihren sowie den von Anderen?

Warum nicht?

 

3. Emotionen sind decision-maker

 

Rein sachlich entscheiden? Fehlanzeige! Emotionen beeinflussen unsere Beurteilung, ob etwas positiv oder negativ, nützlich oder bedrohlich ist. Ist unsere Stimmung positiv, tendiert auch unser Urteil eher zu positiv. Und zwar hinsichtlich Umwelt und Personen. Unsere positive Stimmung führt zudem oft zu risikoreichen Entscheidungen, da das Risiko eines negativen Ausgangs der Situation oft unterschätzt wird.

 

Emotionen werden außerdem oft als Informationen verstanden, denn sie entstehen durch Bewertungen. Die Ursache liegt darin, dass Emotionen zu selektiven Zugriffen auf das Gedächtnis führen. In einer negativen Stimmung z. B. ist es wahrscheinlich, dass negative Inhalte der eigenen Biographie präsenter sind als positive. Urteile oder Bewertungen werden also dahingehend beeinflusst, dass Emotionen den bevorzugten Zugriff auf Informationen im Gedächtnis veranlassen. Dabei können Emotionen auf falsche Ursachen zurückgeführt werden bzw. auf Ursachen, die nicht für die jeweilige Emotion maßgeblich sind.

 

Wie gut kennen Sie Ihre inneren „Trigger“, die sich in Emotionen und damit in Ihrem Verhalten zeigen?

 

4. Emotionen beschleunigen das Problemlösen

    • Positive Emotionen sind echte Effizienz-Booster!
    • Positiv gestimmte Menschen brauchen weniger Informationen für das Lösen von Problemen.
    • Sie schlagen direktere Problemlösewege ein.
    • Sie haben einen erweiterten Blickwinkel.
    • Sie sind kreativer.
    • Positiv gestimmte Menschen sehen eher das Globale als Details.

Wie stark beeinflusst Ihre Stimmung Ihren Work-Flow?

Nehmen Sie sich überhaupt Zeit für Reflexion?

 

5. Emotionen machen gesund. Und krank.

 

Die Psychoneuroimmunologie erforscht die Wechselwirkung zwischen Geist und Körper. Eindeutig: Der Einfluss von Emotionen auf das Gehirn bringt Auswirkungen auf das Immunsystem hervor. Negativ gestimmte Menschen sind anfälliger für Erkältungen. Zudem fand man heraus, dass Operationswunden bei negativ gestimmten Menschen langsamer heilen. Die Psychologische Erklärung: Krankheiten abzuwehren kostest uns Energie und negative Emotionen führen zu Energiemangel und Erschöpfung. Im Umkehrschluss bedeutet das: Positiv gestimmte Menschen haben mehr Energieressourcen, um Krankheiten abzuwehren oder zu bewältigen.

 

Gesundheit ist unser kostbarstes Gut. Wie viel „investieren“ Sie in positive Emotionen? Für Ihre eigene Gesundheit und die Ihrer Mitarbeitenden?

 

Zugegeben, das ist ein kühn abgekürzter Rundumschlag. Er macht jedoch deutlich, dass es keineswegs „nice to have“, sondern vielmehr ein „must have“ ist, mit einem möglichst gesunden emotionalen Haushalt ausgestattet zu sein. Denn dieser beeinflusst unser berufliches Schaffen nachweislich positiv. Unsere Lebensqualität ohnehin.

quelle: simon-wijers-unsplash, titel: christopher-burns-unsplash
Emotionen haben eine helle und eine dunkle Seite. Beide haben ihren Wert.

Kein Mehrwert ohne Emotionen

 

Interessant wird der Mehrwert im Zusammenhang mit Emotionen: Ein Produkt oder eine Dienstleistung unterscheidet sich von anderen und schafft dadurch den entscheidenden Wert für den Verbraucher. In der Verbraucherwahrnehmung ist ein Produkt oder eine Dienstleistung also attraktiver als vergleichbare andere und rechtfertigt dadurch einen höheren Preis.

 

Dieses Mehr an Attraktivität ist häufig weder messbar noch sichtbar. Es hat mit dem emotionalen Wert eines Produktes bzw. einer Dienstleistung zu tun. Das kann ein herausragender Service in einem Restaurant sein, ein außergewöhnliches Design, eine Markenbotschaft, mit der man sich identifiziert und derer man sich zugehörig zeigen möchte. Ohne Emotionen in der Marken- und Unternehmenskommunikation z. B., und zwar extern wie intern, ließe sich so ein Mehrwert nicht realisieren!

 

Unternehmen sind wie Eisberge

 

Im professionellen Kontext, heißt es oft, sollte man doch möglichst sachlich bleiben. Zahlreiche Methoden diesen der Versachlichung von Fragestellungen, Problemlösungen, sozialem Miteinander. Sorgen Emotionen aufgrund der Tatsache, dass sie Menschen und Situationen wenig berechenbar machen, für Sorge und Unsicherheit? In wirtschaftlich geprägten Systemen, die auf Gewinn setzen und dafür Planung und Strategie zu Rate ziehen, sind Unberechenbarkeiten und Unsicherheiten natürliche Feinde. Zudem sind Emotionen nicht in Stückzahlen mess- oder erfassbar. Und dass sie nicht hoch im Kurs stehen, könnte auch etwas mit unserem kulturellen Hintergrund zu tun haben. Dieser etablierte lange Zeit Tugenden, bei denen Emotionen als hinderlich gelten. Doch die alten Glaubenssätze in der Welt des Wirtschaftens und Arbeitens stehen ja mittlerweile mächtig auf dem Prüfstein.

 

Wolfgang Berger, Ökonom und Philosoph, beschäftigt sich schon lange mit der „artgerechten Menschenhaltung in Unternehmen“. Er sagt, Unternehmen seien wie Eisberge. Die 10% über der Wasseroberfläche stehen für Zahlen der Bilanz, Patente, Marken etc. Die 90% unter der Wasseroberfläche stehen für das, was die Mitarbeitenden über ihren Arbeitgeber, das Unternehmen an sich und ihre Vorgesetzten denken. Ihre Gedanken und Gefühle über Unternehmen und Vorgesetzte bilden die härteste Realität. Seiner Überzeugung nach steuert das Unsichtbare das Sichtbare. Seine Ansichten beruhen auf einem Mix aus wirtschafts-, natur- und geisteswissenschaftlichen Wissenspaketen. Diese interdisziplinäre Betrachtung stellt er auf den Prüfstein durch Erfahrungen und gesunden Menschenverstand. Demut vor der eigenen Größe und eine konsequente Offenheit für weitere Erkenntnisse zeichnen m. E. sein Wirken aus. Eine Haltung, die die alte Kultur des wirtschaftlichen Schaffens deutlich ausprägen darf.

 

Physikalische Gesetzmäßigkeiten belegen, dass wir alles, was wir in unserem Denken und Bewusstsein als wahr empfinden, ausstrahlen und es als Bestätigung unseres (Welt-)Bildes von außen anziehen. Physiker haben nämlich entdeckt, dass sich bestimmte kleine Materieteilchen unter dem Elektronenmikroskop so verhalten, wie es der Beobachter erwartet! Demnach haben Bilder, die wir mit viel Gefühl in Szene setzen, höchste Chance auf Verwirklichung, so Berger. Gefühle sind der Treibstoff, der unsere gedanklichen Materialisationen ins Rollen bringt. Diese „feinstofflichen“ Gegenstände sind immateriell vorhanden, materiell aber nicht sichtbar.

 

Menschelt es dann zu sehr?

 

Emotionen gehören ja nun zu unserer Basisausstattung. Menschliches Verhalten ist eben in höchstem Maße von Emotionen geprägt! Wie passt das mit dem Streben nach professionellem und erfolgreichem Handeln zusammen, das möglichst frei von "Gefühligem" ist? Müssten wir Emotionen nicht vielmehr als Ressource begreifen und nutzen, um erfolgreich zu sein?

 

Furcht, Traurigkeit und Zorn sind nicht selten Stimmungen bei Arbeitnehmern, die in stark hierarchisch organisierten Systemen und Führung nach alter Marnier tätig sind. Seit einiger Zeit geht ein Fenster weit auf: "Neue Führung" ist in aller Munde. Emotionen erhalten ihren Wert: Freude, Akzeptanz, Überraschung und Neugierde stehen hoch im Kurs. Feelgood-Manager werden ebenso belächelt wie geschätzt. Denn wir wissen, dass die Akzeptanz und Wertschätzung wertschöpfend wirkt.

 

Mit dem Wissen ausgestattet dass

 

a) Emotionen das Menschsein ausmachen,

b) das, was wir empfinden unsere Welt gestaltet,

c) ein kultureller Wandel in vollem Gange ist und

d) Emotionen für Mehrwert sorgen,

 

frage ich: „Wer ist für Akzeptanz und Wertschätzung von Emotionalität als individuelle Ressource im Unternehmen/in der Wirtschaft verantwortlich?“

  • Beim Status Quo hat aus meiner Sicht ein Entscheider-Team (Führungskräfte) eine große Vorbildfunktion. Hierzu ein knackiges Beispiel aus dem Buch MANAGEMENT_Y, Elch auf dem Tisch, Seite 156: Ein Kulturwandel entsteht auf ausdrückliche Einladung des CEO, heikle Themen offen anzusprechen. Hierarchische Gefüge, Bildungsunterschiede, individuelle Sozialisierungen machen es Menschen noch unterschiedlich leicht, authentisch zu sein und zu handeln.
  • Doch grundsätzlich liegt die Verantwortung bei jedem Einzelnen. Eingangs habe ich dazu Wolfgang Berger zitiert: Alles, was wir in unserem Denken und Bewusstsein als wahr empfinden, strahlen wir aus und ziehen es an. Damit hat jede_r Einzelne eine Verantwortung für den Umgang mit individuellen Emotionen.

Emotionen sorgen für Flow

 

Der Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi hat das Flow-Prinzip entwickelt das erklärt, wann Menschen Glück empfinden. Er hat seine Forschungen weiterhin dem Flow im Beruf gewidmet und das Geheimnis des Glücks am Arbeitsplatz gelüftet. Eine bedeutende Erkenntnis ist, dass die Menschen, die im Rahmen ihrer Berufsausübung im Flow sind, auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht sehr erfolgreich agieren.

 

Flow entsteht nach Mihaly Csikszentmihalyi nur, wenn Fähigkeiten und Herausforderungen in Einklang sind. Sind die Fähigkeiten hoch, die Herausausforderungen und Aufgaben dagegen gering, so stellt sich rasch Langeweile ein. Übersteigen die Herausforderungen aber die Fähigkeiten, dann entstehen schnell Stress und Angst.

 

Das Flow-Prinzip ist damit zumindest ein Ansatzpunkt dafür, inwiefern Emotionen in der Arbeitswelt Mehrwert schaffen. Denn das Forschungsthema Glück impliziert in hohem Maße Gefühl und Emotion. Und Angst ist eine der acht Basisemotionen.

 

Blöde und gute Emotionen

 

Ob jemand im Home Office Texte kreiert oder im Job über eine dreistellige Millioneninvestition entscheidet, Emotionen nehmen Einfluss auf unsere Beziehungen - zu Kollegen, Kunden, Familienmitgliedern. Und uns selbst! Zu den Basisemotionen zählen neben Freude, Akzeptanz, Überraschung, Neugierde auch Furcht, Zorn, Traurigkeit und Ekel. Geht es Ihnen auch so? Wir machen Schubladen auf: Die blöden Emotionen sind Furcht, Zorn, Traurigkeit sowie Ekel und die guten Freude, Akzeptanz, Überraschung und Neugierde. Dabei haben sowohl die blöden als auch die guten ihre Aufgaben, wie wir wissen. Und jede der acht Basisemotionen ist mit einem Handlungsimpuls verkettet, der seine evolutionäre Aufgabe hat (Beispiel Furcht – Flucht). Die Emotionen sind weder ‚blöd‘ noch gut. Je nach Intensität steuern sie unser Handeln hin zu mehr Wert oder sie blockieren, sabotieren und schaden (Minderwert). Die Intensitäten führen jeweils von Freude zu Ekstase, Akzeptanz zu Vertrauen, Überraschung zu Erstaunen, Neugierde zu Erwartung, Furcht zu Panik, Zorn zu Wut, Traurigkeit zu Kummer sowie Ekel zu Abscheu.

 

Emotionen sind Treib- und Zündstoff. Für Mensch und Organisation. Und eine Ressource, die im professionellen Kontext ihren Wert hat.

 

Was meinen Sie dazu?

 

Für Interessierte:
Berger, Wolfgang: Anleitung zur artgerechten Menschenhaltung in Unternehmen, jkamphausen

Csikszentmihalyi, Mihaly: Flow im Beruf, Klett-Cotta

Brandes, Ulf/Gemmer, Pascal/Koschek, Holger/Schültken, Lydia: Management_Y, campus

 

Fotos: simon-wijers-37854, unsplash und christopher-burns-471173, unsplash